Maria Montessori
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1870 – 1952

Kindheit und Jugend

Maria Montessori wird am 31. August 1870 in Chiaravalle bei Ancona, Italien geboren. Mit drei Jahren wird zunächst Florenz ihr Lebensort. Zwei Jahre später zieht die Familie aus beruflichen Gründen (der Vater war Finanzbeamter) nach Rom.

Mit sechs Jahren besucht sie die Volksschule und zeichnet sich zunächst nicht als gute Schülerin aus.

Bezogen auf das Auswendiglernen von Biografien berühmter Frauen und der Bemerkung der Lehrerin, dass sicher auch sie berühmt werden wolle, hat sie gemäß eigener Angaben geäußert:

“O nein! … ich werde es nie werden; ich habe die Zukunft der Kinder zu lieb, um noch eine Biografie hinzuzufügen.”

Nach der Volksschule kommt Maria Montessori auf die technische Oberschule, in der der Schwerpunkt bei Fremdsprachen und naturwissenschaftlichen Fächern liegt. Sie entwickelt insbesondere für Mathematik und Biologie stärkeres Interesse. Der Vater, Anhänger der traditionellen Rollenaufteilung in der Familie, wünscht sich für seine Tochter eine Ausbildung zur Lehrerin. Sie dagegen strebt das Medizinstudium an. In Italien war dies bis zu diesem Zeitpunkt den Männern vorbehalten.

Ausbildung und Studium

Es bleibt bis heute ungeklärt, wie es Maria Montessori gelungen ist, als erste Frau in Italien Medizin zu studieren. Es kursieren viele Gerüchte und Andekdoten. Beispielsweise soll der Papst selbst zu ihren Gunsten interveniert haben – mit der Begründung, dass die Ausübung der helfenden, ärztlichen Tätigkeit gut zu der natürlichen Bestimmung der Frau passe.

Maria Montessori ist eine eifrige, erfolgreiche Studentin. Sie gewinnt als Preise angesehene Stipendien, eine Tatsache, die die männlichen Rivalitätsängste ihrer Kommilitonen nicht reduziert haben wird. Nach Erlangung der Promotion als erste Ärztin in Italien erhält sie eine Stelle als Assistenzärztin. Ihre Ausbildung zur Ärztin schließt sie mit 26 Jahren ab.

Zunächst wird sie als junge Ärztin zur italienischen Delegierten für einen internationalen Frauenkongress in Berlin gewählt. Zwei Jahre später wird ihr diese Ehre für den Frauenkongress in London erneut zuteil. Die internationale Presse begleitet ihre Auftritte mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen. Insbesondere in London nimmt sie an einem Empfang der englischen Königin Victoria teil. Hier zeichnet sich bereits ab, dass Maria Montessori Zeit ihres Lebens versucht, politisch Mächtige auf sich und ihre Ideen aufmerksam zu machen. Der Papst gewährt ihr eine Privataudienz, in den USA empfängt sie der Präsident der Vereinigten Staaten, in Indien Gandhi, im faschistischen Italien Mussolini u. a. m.

Ihr öffentliches Engagement gilt dem Kampf für die Frauen und der sozialen Gerechtigkeit. Darin ist die Auseinandersetzung um bessere Erziehungsbedingungen für die Kinder und gegen die unverändert vorhandene Kinderarbeit eingebunden. Neben öffentlichen Auftritten arbeitet sie als Assistenzärztin an der psychatrischen Universitätsklinik und betreibt eine private Arztpraxis.

Im Zusammenhang mit ihrer Kliniktätigkeit trifft sie auf geistig behinderte Kinder, die gemeinsam mit psychotischen Erwachsenen in einer Anstalt wie in einem Gefängnis untergebracht sind. Durch Studien vorhandener Literatur zum Thema geistige Behinderung bei Kindern wird sie auf die Ärzte Itard und Séguin aufmerksam, benutzt bei ihren praktischen Versuchen Sinnesmaterial, das Séguin geschaffen hat, und entwickelt es weiter zu dem heutig bekannten Montessori-Material. Zudem kommt sie zu der “Eingebung, dass das Problem der geistig Zurückgebliebenen eher überwiegend ein pädagogisches als überwiegend ein medizinisches” ist.

San Lorenzo und das Casa dei Bambini

Maria Montessori wird gebeten, die Oberaufsicht über zwei Spielstuben zu übernehmen, die in einem großen Komplex von Sozialwohnungen in San Lorenzo bei Rom eingerichtet werden, um unbeaufsichtigte kleine Kinder unter Kontrolle zu halten. Für Maria Montessori ist dies zunächst nur eine Tätigkeit neben anderen, zeitintensiveren und für sie wichtigeren. Doch bald erkennt sie, dass in diesen Spielstuben Bedeutsames passiert. Sie wird ihr dortiges Engagement verstärken und somit ihr Leben auf eine pädagogische Arbeit hin ausrichten. Ihre Tätigkeit dauert nur gut zwei Jahre in diesen Einrichtungen. Ausreichend, um für sie selbst das Bewusstsein der Notwendigkeit einer pädagogisch grundsätzlichen Reform zu begründen.

In dem neu sanierten Wohnkomplex für Arbeiterfamilien, in denen beide Elternteile einer aushäusigen Lohnarbeit nachgehen, wird eine Kindereinrichtung für die kleinen, noch nicht schulpflichtigen Kinder geschaffen, in der diese in der Abwesenheit ihrer Eltern betreut werden. Die Aufgabe der Beaufsichtigung von ca. 40 Kindern in den zugewiesenen Räumen übernimmt eine pädagogisch nicht ausgebildete Helferin, der auch in dem Wohnhaus selbst eine Unterkunft gewährt wird.

Maria Montessori kann dafür gewonnen werden, die konzeptionellen Grundlagen dieser “Casa dei Bambini” zu schaffen und die Arbeit der unausgebildeten Helferin zu beaufsichtigen. Dieses neue Betätigungsfeld bietet Maria Montessori die Option, ihre entwickelten Erziehungsmethoden nun bei nichtbehinderten Kindern auszuprobieren. Angesichts der Erfolge bei der Förderung behinderter Kinder hatte sie die “Normalerziehung” einer heftigen Kritik unterzogen und die Meinung vertreten, die pädagogischen Verhältnisse wären grundlegend zu reformieren, um so alle Kinder von Blockaden zu befreien, die dann eine ungeheuere Entwicklungsmöglichkeit hätten. Das “Casa dei Bambini” bietet Maria Montessori die Gelegenheit, diese Thesen anhand der konkreten Praxis zu untermauern.

Arbeit und Erkenntnisse

Maria Montessori bringt zunächst Material in das Kinderhaus ein, das sie von Ségiun übernommen und weiterentwickelt hat. Sie legt nicht nur Wert auf Hygiene für eine gesunde Entwicklung der Kinder, sondern auch auf eine auf die kindlichen Proportionen abgestimmte Raummöblierung.

Die Kinder ziehen das Material dem traditionellen Spielzeug vor, arbeiten mit großer Konzentration und eigenaktiv. Im Persönlichkeitsbereich der Kinder zeigen sich die Eigenschaften der Selbstsicherheit, Ausgeglichenheit und sozialen Verträglichkeit.
Eine erstaunliche Erkenntnis für Maria Montessori, die davon ausgegangen ist, dass kleine Kinder unkonzentriert und zappelig sind und von Erwachsenen zum Spielen angeregt werden müssen. Stattdessen haben sie eine Kraft in sich, ihre eigene Entwicklung vorwärts zu treiben.

Kinder arbeiten freiwillig, selbstmotiviert und fordern von den Erwachsenen Ruhe und Ungestörtheit, wenn sie eine entsprechende Umwelt und zu ihrer Entwicklung geeignetes Material vorfinden.

Damit wurde Maria Montessori ein neuer Weg der pädagogischen Arbeit aufgezeigt:
Die Bedingungen einer geeigneten Umgebung herauszufinden, das notwendige Entwicklungsmaterial zu konzipieren und herzustellen sowie die Aufgaben der Erzieherin im Erziehungsprozess neu zu bestimmen. Die Dreiheit Umgebung, Material und Erzieherin ist die Grundlage einer neuen Pädagogik, die es auch gilt, an die Öffentlichkeit zu tragen, was Maria Montessori entsprechend umsetzt.

Sie blieb in dem Kinderhaus nur zwei Jahre.

Tabellarischer Lebenslauf

31.08.1870geboren in Chariavelle, in der Provinz Ancona
Ab 1876in Rom
1890Sie beginnt als eine der ersten Frauen in Italien ein Medizinstudium.
1896Promotion zum Doktor der Medizin Assistentin am Krankenhaus San Giovanni
1897-1898Assistentin an der Regia Clinica Psichiatrica
Arbeit mit geistig behinderten Kindern. Sie liest dazu die Werke der französischen Ärzte Itard und Seguin.
1896Gründung der Lega Nazionale per la educazione dei fanciulli deficienti
1899Vortragsreihe an der Scuola normal di magistero des Collegio Romano über Erziehungsmethoden für behinderte Kinder.
1900Eröffnung der Scuola Magistrale Ortofrenica der Lega nazionale
1905Studium der Antropologie, Experimentalpsychologie, Erziehungsphilosophie, Pädagogik und Hygiene an der philosophischen Fakultät der Universität in Rom.Durchführung anthropologischer Untersuchungen an Grundschulen und Hospitationsbesuche in Volksschulen
1901Zweiter internationaler Pädagogenkongress in Neapel
1907Eröffnung der ersten Casa dei bambini (Kinderhaus) in der Via Marsi 58 in San Lorenzo (Römischer Bezirk)Zweite Casa dei bambini in San Lorenzo
1908Gründung der ersten Casa dei bambini in Mailand
1909Veröffentlichung der ersten Schrift über das Kinderhaus mit dem Titel”Die Methode der wissenschaftlichen Pädagogik, angewandt auf die Kindererziehung im Kinderhaus”Gründung einer Montessori Gesellschaft in Rom mit Zweigstelle in Mailand und Neapel
1913Erste Reise nach Amerika
1914Internationaler Ausbildungslehrgang in Castello San Angelo in RomGründung einer Gesellschaft zur Erstellung von Regeln und Normen für die Arbeit der Montessoribewegung in GroßbritannienZweite AmerikareiseAusbildungskurs für Lehrerinnen in Los Angeles und San Diego.
Einrichtung einer Montessoriklasse auf der Weltausstellung in San Francisco.
Internationaler Ausbildungslehrgang in San Francisco.
1916Montessori übersiedelt nach Barcelona. Dort hält sie alle zwei Jahre Ausbildungskurse für Pädagogen, ebenso alle zwei Jahre in Großbritannien
1922-1936Mehrmonatige Aufenthalte in Italien (Mussolini)
1929Fünfte Weltkonferenz der New Education Fellowship in London, gleichzeitig internationaler Montessorikongress, sowie Gründung der AMI (Association Montessori International). Damit kommt sie auch offiziell mit den reformpädagogischen Bewegungen in Berührung.
1930Vortragsreise nach Wien, Begegnung mit Anna Freud. Friedenskonferenzen in Genf, Brüssel, Kopenhagen und Utrecht.Dort hält sie Vorträge über Educazione e Pace. Dabei entsteht die Idee einer kosmischen Erziehung.
1936Internationaler Montessori Kongress in Oxford.Umzug nach den Niederlanden in der Nähe von Amsterdam, dort Gründung einer Montessorischule.
1939-1946Erste Vortragsreise nach Indien mit ihrem Sohn Mario Montessori.Gleichzeitig bricht der zweite Weltkrieg aus und sie kann nicht mehr nach Europa zurück. In Indien ist sie Gast der Theosophischen Gesellschaft.
1944Ausbildungskurs in Sri Lanka und Pakistan
1946Rückkehr nach Europa
1947-1949Zweite Vortragsreise nach Indien
1951Montessorikurs in Innsbruck (drei Monate)
1952Montessori beabsichtigt, nach Afrika zu reisen, stirbt bei den Vorbereitungen aber an einer Gehirnblutung und ist in Nordwijk aan Zee begraben.

“Oh nein! … ich werde es nie werden;
ich habe die Zukunft der Kinder zu lieb, um noch
eine Biografie hinzuzufügen.”

Maria Montessori,
bezogen auf das Auswendiglernen von Biografien berühmter Frauen und der Bemerkung der Lehrerin,
dass sicher auch sie berühmt werden wolle

Quelle: Sigurd Hebenstreit, Maria Montessori – Eine Einführung in ihr Leben und Werk, Verlag Herder Freiburg im Breisgau, 1999